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Need for Speed Unbound: Der alte Glanz ist wieder da

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Need for Speed hat einige schwierige Jahre als Serie hinter sich, konnte nie an den Schwung aus den Zeiten von Need for Speed Underground und seinem Nachfolger NFSU2 anknüpfen. Nun versucht Need for Speed Unbound das Feeling dieser Titel wiederzubeleben und schafft dies auf bemerkenswerte Weise, ohne zu wirken, als wäre es in der Zeit stehengeblieben – ganz im Gegenteil.

Unbound setzt auf dieselbe Basis, die NFSU2 nach seinem Release 2004 so populär gemacht hat: Straßenrennen, enorm viele Tuning-Möglichkeiten der Fahrzeige, eine große Open-World-Karte zum Erkunden, und ein seiner Zeit angepasster Soundtrack. Es schreckt aber auch nicht davor zurück, einige Dinge anders zu machen und vermeidet es dadurch, nur ein nostalgiegebundener Cash-Grab-Kopie der guten alten Zeit zu sein.

Grafik und Sound

Visuell ist NFS Unbound ein interessanter Mix aus realistischer Grafik für die Autos sowie Umgebung und dem Cel-Shading-Look mit Cartoon-Stil für die Charaktere und Fußgänger. Zusätzlich bringt der Titel anpassbare Fahreffekte wie Rauch, Flügel oder Funken neu ins Spiel, die eindeutig comichaft wirken. Das mag manchem nicht gefallen, insgesamt funktioniert es aber hervorragend, um einen markanten Stil für das Spiel zu schaffen.

Die Performance ist auch auf Mittelklasse-PCs gut, und die optional zuschaltbare variable Auflösung funktioniert gut, um die Framerate auf einem gewünschten Level zu halten, auch wenn es hier und da trotzdem zu FPS-Drops kommen kann. Unterm Strich sorgt es aber für flüssiges Gameplay.

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In der Sound-Abteilung enttäuscht Unbound ebenfalls nicht: Die Fahrzeuge klingen allesamt unterschiedlich, und die Effekte für Nitroeinspritzung, Crashes mit Schildern oder Leitplanken-Kontakt sorgen für eine immersive Erfahrung. Der Soundtrack besteht größtenteils aus modernem Hip Hop, Trap und EDM – wie in solchen fällen üblich ist dies natürlich nicht jedermanns Geschmack, kann dafür aber auch leiser gestellt oder komplett abgeschaltet werden. Er passt allerdings perfekt zum restlichen Stil des Spiels und ist ein Zeichen dafür, dass sich die Zeiten seit 2004 natürlich geändert haben – so, wie es sein sollte, da das Spiel schließlich kein Remaster von NFSU2 sein möchte.

Setting und Story

NFS Unbound spielt in Lakeshore City, einem fiktiven Gebiet basierend auf Chicago. Die Open-World-Karte bietet dabei sowohl Städte als auch Industriegebiete sowie bergige Straßen, die allesamt zu den verschiedenen Arten von Events im Spiel passen.

 Lakeshore City ist außerdem der Backdrop für die Story in Unbound. Bevor es mit dem guten, alten Prozess losgeht, ein unterdurchschnittliches Auto zu kaufen und nach und nach zu einem High-End-Boliden hochzuzüchten, darf sich der Spieler aus heruntergekommenen Versionen eines 1969 Dodge Charger R/T, eines 1998 Nissan Silvia K und eines Lamborghini Countach 25th ein Fahrzeug aussuchen, das restauriert wird und mit dem man sich dann einen Namen in der Renn-Szene macht – dabei hat man Yaz, eine Freundin und Arbeitskollegin in der Werkstatt Rydell’s Rydes, an seiner Seite.

Aber: Yaz distanziert sich relativ schnell sowohl vom Spieler-Charakter und Werkstatt-Chef Rydell und bringt sie letztlich um ihren kompletten Fuhrpark samt des restaurierten Autos. Ab diesem Knackpunkt in der Story sind der Spieler und Rydell auf sich allein gestellt, und der Aufstieg von ganz unten an die Spitze beginnt.

Gameplay

Alles in NFS Unbound dreht sich um The Grand, das ultimative Straßenrennen im Spiel. Um daran teilzunehmen muss der Spieler sich in Qualifikations-Events durchsetzen, die wiederum verschiedene Fahrzeugklassen voraussetzen. Das Spiel baut auf einem wöchentlichen Kalender auf, und jeder Wochentag ist in eine Tages- und eine Nachtsession unterteilt, wobei letztere meist die Events mit den potenziell größeren Belohnungen bieten.

Eine der Hauptneuerungen in Unbound ist die „Risk & Reward“-Mechanik, die in verschiedenen Arten präsent ist. Auf den Straßen von Lakeshore sammelt sich schnell ein Fahndungslevel an, sobald man an Events teilnimmt oder anderweitig sein Unwesen treibt. Die Rennen resultieren in verschiedenen Stufen von Fahndungsleveln, und die Gesetzeshüter werden stets schwieriger loszuwerden, je mehr der Level steigt.

Es ist am Spieler zu entscheiden, ob eine Session weitergehen soll und man dabei potenziell mehr Fahndungslevel anhäuft und sein hart erkämpftes Geld einer Session verliert, oder ob es lieber zurück in einen Unterschlupf gehen soll, um das Geld zu sichern und die Session zu beenden. Erst nach einer Nachtsession wird der Fahndungslevel zurückgesetzt – benimmt man sich also tagsüber zu sehr daneben, könnte sich das in der Nacht rächen.

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In kleinerem Maßstab ist Risk & Reward in Form von Wetten bei Events vertreten. Bevor es losgeht, kann man dabei mit jedem seiner Konkurrenten darum wetten, vor ihnen ins Ziel zu kommen, was es ermöglicht, zusätzliches Geld zu gewinnen – oder zu verlieren. Auch dies will abgewägt werden.

Es gibt abwechslungsreiche Events in Unbound, von klassischen rundenbasierten und Point-to-Point-Rennen über Drift-Wettbewerbe bis hin zu den neuen Takeover-Events, in denen Spieler Punkte für Drifts, Sprünge und zerstörte Objekte auf der Strecke sammeln. Angenehm dabei: Bei diesen Events greift die Polizei nicht ein, was sie ein wenig entspannter als die meisten anderen macht.

Zusätzlich zu den normalen Events können Spieler auch kurzfristige Missionen annehmen, bei denen meist entweder ein Rivale eine Fahrt zu einem Unterschlupf braucht (was ein entsprechendes Safehouse für den Spieler freischaltet) oder ein Auto für Rydell abgeliefert werden soll. Eine gute Gelegenheit, schon früh in der Story schnellere, exotische Autos zu fahren.

Fahren

Klar, die Fahrphysik in NFS Unbound ist alles andere als realistisch – das will das Spiel auch gar nicht sein. Stattdessen ist es arcadelastig und auf Spaß ausgelegt, was sich am deutlichsten durch die stoßweise Nitro-Mechanik zeigt, die während eines Drifts aktiviert werden kann und das Auto deutlich schneller und mit mehr Grip aus einer Kurve schießen lässt sowie den Drift beendet.

Auch ein Schadensmodell ist an Bord, das sich langsam regeneriert und nicht wirklich Auswirkungen auf das Fahrverhalten hat. Normalerweise ist es kaum ein Faktor, solange man nicht in einer langen Verfolgungsjagd mit der Polizei steckt. Sobald die Schadensanzeige leer ist, wird man erwischt. Es ist allerdings möglich, sein Auto an Tankstellen, die auf der ganzen Map verteilt sind, reparieren zu lassen.

À propos Verfolgungsjagden: Die Gesetzeshüter haben verschiedene Fahrzeuge zur Verfügung, und es wird immer schwieriger, sie loszuwerden – manche können nicht abgehängt werden, andere sind nur schwer zu zerstören, und schließlich wird es noch schwieriger, aus dem Sichtfeld der Cops zu verschwinden, wenn zusätzlich Helikopter ins Spiel kommen. Um eine Verfolgungsjagd zu beenden, müssen Spieler erst den Sichtkontakt brechen, dann eine gewisse Zeit untertauchen, ehe die Polizei sich zurückzieht. Je nach Fahndungslevel nehmen sie aber danach bei Sichtkontakt sofort wieder die Verfolgung auf, es ist also ratsam, ein Auge auf der HUD-Karte zu behalten.

Tuning

Insgesamt wartet Unbound mit 143 Fahrzeugen und noch mehr Möglichkeiten, sie zu tunen, auf. Bevor es dazu kommt, kann aber auch euer Charakter angepasst werden: Spieler können aus einem von acht Presets wählen, die dann hinsichtlich Frisur, Kleidung, Tattoos und mehr angepasst werden können. Das ist allerdings nicht zwingend nötig – wenn ihr also einfach loslegen wollt, könnt ihr sie auch lassen, wie sie sind.

Die viel spannenderen Anpassungsmöglichkeiten bieten ohnehin die Autos. Dies ist in jedem Unterschlupf möglich – wie in Underground 2 zu einem Shop für eine bestimmte Teileart zu fahren ist also nicht nötig. Stattdessen können Spieler gegen gewonnenes Geld den Level ihrer Garage erhöhen, um Zugang zu höherwertigen Performance-Teilen zu gelangen. Lackierungen, Folierungen und Aufkleber sind komplett kostenlos, andere visuelle Elemente wie Flügel, Stoßstangen oder Body Kits kosten indes Geld. Teile können außerdem durch die Erfüllung von Challenges, das Finden von Artwork auf Häuserwänden oder andere Aufgaben freigeschaltet werden.

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Durch die unzähligen Anpassungsmöglichkeiten ist es unwahrscheinlich, dass zwei Autos einmal identisch sein werden, wenn man es nicht darauf anlegt. Während es enorm viele Performance-Teile gibt und selbst Motor-Swaps möglich sind, sind die Möglichkeiten allein im Decal-Editor schier unglaublich. Hinzu kommen Stoßstangen, Seitenschweller, Diffusoren und sogar Bremsscheiben und -Sättel – damit steht euch nichts im Weg, ein Auto eindeutig zu eurem zu machen. Selbst der Motor-Sound aus dem Auspuff lässt sich anpassen. Radsturz, Felgengrößen, die Fahr-Effekte im Comic-Stil – es gibt jede Menge zum Verändern.

Der entscheidende Faktor eines Autos ist allerdings die Performance: Jedes Upgrade, das ein Fahrzeug schneller, sein Handling besser oder das Fahrwerk anpassbarer macht, hat einen Effekt auf das Rating des Autos, und sobald ein bestimmter Wert erreicht ist, steigt das Fahrzeug in eine höhere Klasse auf – ähnlich, wie Forza Motorsport und Forza Horizon ihre Einstufungen vornehmen. Events setzen üblicherweise eine bestimmte Fahrzeugklasse voraus, es zahlt sich also aus, so früh wie möglich einen Boliden jeder Kategorie sein Eigen zu nennen.

Multiplayer

Kein großer Titel kommt in den 2020er Jahren noch ohne Multiplayer-Modus aus, und NFS Unbound ist keine Ausnahme. Er ist separat vom Einzelspieler-Modus gehalten und fokussiert sich stattdessen auf eine eigene Progression. Multiplayer-Sessions können bis zu 16 Spieler beinhalten und bieten einen Freeroam-Modus und Meetups, in denen Spieler Renn-Playlists bestreiten können, die aus mehreren verschiedenen Events bestehen.

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Crossplay ist ebenfalls verfügbar, um Spieler von verschiedenen Plattformen in derselben Session spielen zu lasse, zudem können Gruppen von bis zu vier Freunden angelegt werden, die dann ungestört von anderen Spielern gegeneinander antreten können. Mit Freunden könnt ihr außerdem frei die Map erkunden oder versuchen, Challenges wie Speed Traps oder Drift-Zonen zu bestreiten oder Sammelobjekte zu finden.

Ärgerliche Kleinigkeiten

Soweit lesen sich die Dinge größtenteils positiv, aber Unbound ist gegen verbesserungswürdige Elemente nicht immun. Bevor wir überhaupt eine Sekunde fahren konnten, hat es uns mindestens 90 Minuten gekostet, einen Xbox-One-Controller am PC zum Laufen zu bekommen – es stellte sich heraus, dass das Problem in der noch eingesteckten SimRacing-Peripherie war. Dadurch erkannte das Game den Controller nicht als primäres Gamepad, sondern eher einen Shifter oder eine Button Box.

Ein weites, ärgerliches Element bezog sich ebenfalls auf die Steuerung – es ist im Spiel nicht möglich, Controller-Buttons neu zu belegen. Die Standard-Belegung macht das Schalten sehr umständlich, da die beiden Trigger des Controllers für Gas und Bremse zuständig sind und mit den direkt darüberliegenden Bumpern geschaltet werden soll. Die Trigger werden normalerweise mit den Zeigefingern bedient, schnelle Gangwechsel sind also unmöglich – deshalb haben wir mit automatischem Getriebe gespielt. Kein Riesenproblem, aber auch keine gute Idee für ein Controller-Schema, zumal ein tieferer Gang in manchen Situationen deutlich besser wäre.

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Fazit

Need for Speed Unbound schafft es endlich wiederzubeleben, was beide Underground-Teile zu ihrer Zeit so populär gemacht hat, ohne dabei wie ein Throwback in die frühen 2000er zu wirken – stattdessen ist es mit der Zeit gegangen und hat sich entsprechend angepasst. Dadurch dürften zwar diejenigen, die die älteren Titel schon vor fast 20 Jahren gern gespielt haben, die popkulturellen Referenzen nicht unbedingt verstehen, aber sie sollten trotzdem das bekannte NFS-Feeling bekommen, wenn sie ein zahmes Auto per Tuning in ein feuerspuckendes Straßenrenn-Biest verwandeln.

Mit scheinbar unendlich vielen Tuning-Möglichkeiten bietet Unbound jedem die Chance, ein Auto bis hin zur Bremsscheibe zu einem ganz eigenen Kunstwerk zu machen. Ob Spieler es dabei auf die Spitze treiben oder lieber recht harmlos zu Werke gehen, ist dabei jedem selbst überlassen, was Freiräume für viele verschiedene Geschmäcker schafft.

NFS Unbound schafft den Spagat zwischen einem Throwback zu altem Glanz und einem erfrischenden, neuen Ansatz zu Dingen, die in der Vergangenheit funktioniert haben, hervorragend, ohne dabei einfach nur eine Neuauflage der älteren Spiele zu sein. Spieler, die die Titel der frühen 2000er geliebt haben, werden sich in Unbound gleich zu Hause fühlen – und möglicherweise ein wenig alt, wenn sie den Soundtrack hören und das Styling sehen. Aber dafür muss man sich nicht schämen.